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Wie kommt die Chemie in Baden-Württemberg aus der Krise?

Interview mit Krauth und Sucher zur Lage in der Chemie- und Pharmabranche - und den gesellschaftlichen Diskussionen

18.03.2024

Für die unter hohen Energiekosten leidende Chemiebranche im Land war 2023 ein schwieriges Jahr mit rückläufigen Umsätzen und Produktionseinbußen. Auch für 2024 erwarten die Unternehmen laut einer Umfrage der Verbände Chemie.BW keine Besserung. Dabei ist die Branche essenziell für zukunftsweisende Themen wie die Energiewende oder Elektromobilität. Über Wege aus der Misere sprach aktiv mit Patrick Krauth, dem Vorsitzenden des Arbeitgeberverbands Chemie Baden-Württemberg (agvChemie), und Björn Sucher, dem Hauptgeschäftsführer des Verbands.

Herr Krauth, wieso hat es die Chemie trotz ihrer Schlüsselrolle bei Zukunftstechnologien derzeit so schwer?

Krauth: Da müssen wir differenzieren. Einmal sind wir als Entwickler, Produzenten und Vorlieferanten unverzichtbar für die Transformation im Energiesektor. Da liefern unsere Unternehmen auch. Zum Zweiten sind aber nicht nur die energieintensiven Bereiche bei uns durch die Kostenexplosionen in der Krise. Der weltweite Wettbewerb ist noch stärker geworden, da führen schwierigere Rahmenbedingungen zu Standortentscheidungen gegen Deutschland.

<picture> <source srcset="https://www.aktiv-online.de/fileadmin/_processed_/6/8/csm_aktiv_2024-0216bw_grafik-dt_a07d59fa4a.png 708w" media="(min-width: 768px)" title="Alarmzeichen: Die Leistung der Industrie sank zuletzt rapide ab. " /> <source srcset="https://www.aktiv-online.de/fileadmin/_processed_/4/8/csm_aktiv_2024-0216bw_grafik-m_504e1829d2.png 708w" title="Alarmzeichen: Die Leistung der Industrie sank zuletzt rapide ab. " /> Alarmzeichen: Die Leistung der Industrie sank zuletzt rapide ab. </picture>

 

Herr Sucher, könnte die Politik da helfen?

Sucher: Es müssen wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Genehmigungen müssen schnell erteilt und überflüssige bürokratische Regeln gestrichen werden.

Krauth: Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die den Unternehmen Luft zum Atmen lässt, Raum zum Handeln gibt. Die Politik soll nicht alles regeln – sondern: Weniger Regeln sind besser.

Was tut die Branche selbst gegen die Krise?

Krauth: Wir arbeiten in den Betrieben hart daran, so gut wie möglich durch die schwierigen Zeiten zu kommen. Dazu gehört auch, dass wir einen krisengerechten Tarifabschluss anstreben. Und: In unserer Branche gibt es für die Beschäftigten keinen Reallohnverlust, sondern sie haben erst im Januar eine Entgelterhöhung und eine Einmalzahlung bekommen. Dagegen wird ein Viertel unserer Unternehmen sinkende Erträge haben oder Verluste machen. Wichtig ist, dass der Tarifabschluss dieses Jahr die Krise berücksichtigt und für alle Unternehmen, egal ob sie groß oder klein sind, tragbar ist.

 

 

Braucht die Chemie in dieser Lage eine ähnliche Reaktion wie nach der Finanzkrise von 2009?

Sucher: Damals haben wir mit der IGBCE der Branche, den Betrieben und den Arbeitsplätzen aus der Krise herausgeholfen. Auch die jetzige Krise erfordert einen guten und intelligenten Tarifabschluss.

Derzeit regt sich vielerorts Protest gegen Extremismus. Bewegt das auch Ihre Mitgliedsunternehmen?

Krauth: Ja, natürlich. In den Chemie- und Pharmaunternehmen arbeiten höchst unterschiedliche Menschen: aus zahlreichen Ländern, mit unterschiedlichen Biografien und natürlich auch mit verschiedenen Ansichten. Das ist und war immer ein Gewinn für uns: Diese Vielfalt bringt uns weiter, lässt Ideen sprießen und macht das Leben lebenswerter. Deshalb treten wir einseitigen und vor allen Dingen radikalen Bestrebungen klar entgegen. Unsere Grundwerte sind die einer offenen Gesellschaft. Sie brauchen wir als Wirtschaft – und sie wollen wir als Menschen!